Digitale Transformation und die Erkenntnisse aus der COVID-Krise als Chance zur Bekämpfung des Mangels an Frauen in Führungspositionen?

 

Im Rahmen unserer Interview-Reihe zu Frauen in Führungspositionen haben wir uns mit Katharina Kreitz, seit 2015 Geschäftsführerin von Vectoflow, unterhalten. Sie studierte Maschinenbau mit den Schwerpunkten Luftfahrt, Gasdynamik und Astronautik an der Technischen Universität München. Angesprochen auf das Thema „Frauen in Führungspositionen“ sagt sie: „Grundsätzlich nervt mich das Frauenthema tatsächlich. Aber ich sehe auch, dass es einen großen Handlungsbedarf gibt, um die Benachteiligung von Frauen nachhaltig zu bekämpfen“

 

Wie sehen Sie die Unterrepräsentation von Frauen in Führungsfunktionen?

Also, ich habe Maschinenbau studiert und ich kenne es gar nicht anders. Dort gibt es zehn Prozent Frauen und vier Prozent davon erkennt man auch als solche. Während meines Studiums habe ich viel gearbeitet: Bei Airbus gab es zwei weitere Frauen in dem Gebäude. Bei BMW war ich mit einer Frau und 76 anderen Ingenieuren in der Aerodynamik-Abteilung. Bei der NASA war ich die einzige Frau im ganzen Haus. Aber wenn man laut und extrovertiert ist, ist das auch kein Problem, da man sich dadurch besser durchsetzen kann.

In München gab es eine Karrieremesse speziell für Frauen und ich habe die Keynote übernommen. Der Zuspruch war groß und im Anschluss kamen viele Frauen auf mich zu, die sich die ganze Zeit beklagt haben, dass man als Frau so viele Nachteile habe. Natürlich hat man als Frau gegen Widerstände zu kämpfen, aber man muss auch wissen seine Vorteile einzusetzen. Und sowas ärgert mich, wenn man sich einfach nur beklagt und nicht daran arbeitet sich durchzusetzen. Wenn ich etwas unbedingt möchte, dann muss ich dafür kämpfen und bekomme es dann auch. Deswegen versuche ich, andere Frauen zu motivieren, damit sie sich mehr zutrauen und die Anerkennung Ihrer Arbeit einfordern.

Vor allem in den MINT-Disziplinen sind deutlich weniger Frauen beschäftigt. Müssen wir durch eine Geschlechterquote jede Frau, die Maschinenbau studiert hat, automatisch in den Vorstand eines Unternehmens befördern?

Es gibt immer weniger Frauen in technischen Berufsfeldern und ich finde es falsch, eine Quote in Bereichen zu haben, wo insgesamt zu wenige Frauen vorhanden sind. Es kann nicht jeder in den Vorstand befördert werden, der Maschinenbau studiert hat, nur weil es die Quote sagt. Grundsätzlich bin ich jedoch für eine Frauenquote, da es offensichtlich ohne klare Regeln nicht geht. Ein Beispiel: In meinem Vorpraktikum noch vor dem Studium, da wurde mir von einem etwas älterem Herren gesagt: „Katharina, willst du nicht lieber Lehrerin werden? Maschinenbau, das passt doch nicht zu Frauen.“ Ein halbes Jahr lang hörte ich das jeden Tag. Bis er irgendwann eines Tages sagte: „Katharina, das ist echt das richtige für dich.“ Aber dieses Umdenken hat ein halbes Jahr gedauert. Und für solche Leute braucht man eine Quote.

Welche Maßnahmen – außer einer Geschlechterquote – sind erforderlich?

Man muss die Menschen früher abholen. Gerade bei dem Thema „Frauen in Technik“. Ein persönliches Beispiel hierzu: Meine Mutter ist eine sehr sprachlich begabte Frau, sodass ich nach der Grundschule auf ein Sprach-Gymnasium geschickt wurde, da nicht davon ausgegangen wurde, dass ich als Mädchen eine Affinität zu naturwissenschaftlichen Themen habe. Es gibt Statistiken, dass Mädchen von der ersten bis zur vierten Klasse besser in Mathe als Jungen sind. Dieses Verhältnis verschlechtert sich dann allerdings am Gymnasium. Und meiner Meinung nach ist das soziale Umwelt daran schuld, das predigt, dass technische und mathematische Themen nicht „mädchenhaft“ sind.

Wir als Unternehmen haben es uns zur Aufgabe gemacht, hier früh anzusetzen. Zum Beispiel veranstalten wir jedes Jahr den Girls Day, bei dem Mädchen im Alter zwischen 10 und 15 Jahren zu uns kommen und wir Ihnen zeigen, welche großartigen Möglichkeiten es für sie gibt. Einmal im Jahr besuche ich außerdem mein altes Gymnasium und mache beim Science Day mit. Ich bringe einen 3-D-Drucker mit und kann dann zeigen, wie „supercool“ Technik ist. Das Umdenken muss sehr früh eingeleitet werden.

Wie sieht es denn mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus? Meist bleiben die familiären Care-Aufgaben wie Haushalt und Kinderbetreuung bei den Frauen.

Da nenne ich immer gerne das französische Beispiel. In Frankreich gilt eine Frau, die nicht nach der Geburt weiterarbeitet, als faul. In Deutschland hingegen wird man als Rabenmutter dargestellt. Ich finde, ein Mittelweg wäre eigentlich das Richtige. Man sollte selbst entscheiden können, ob und wie lange man sich eine Babypause nimmt. Und dies gilt nicht nur für Frauen. Auch Männer müssen mehr in die Pflicht genommen werden, statt sich nur auf diese Alibi-vier-Wochen-Vaterschaftsurlaub zu berufen. Es ist leider immer noch so, dass es nicht flächendeckend anerkannt ist, dass auch Väter sich längere Zeit aus dem Beruf ausklinken, um sich um die Kinder zu kümmern. Dies bleibt daher in der Regel an den Frauen hängen, denen dadurch massive Nachteile in der beruflichen Laufbahn entstehen. Alleine wenn es darum geht, dass eine Funktion mit einer Frau zwischen Ende 20 und Anfang 40 besetzt werden soll, haben sie immer die Aussage mit dabei: „Aber die könnte ja schwanger werden“. Auf der anderen Seite fehlt auch den Frauen der Mut Risiken einzugehen und zum Beispiel selbst Unternehmen zu gründen, da sie im Falle einer Schwangerschaft in einem großen Konzern zumindest abgesichert ist. Einem Mann würde es niemals einfallen, ein Unternehmen nicht zu gründen, nur weil er die Familienplanung im Hinterkopf behalten muss. Es muss insgesamt ein gesellschaftlicher Wandel dergestalt her, dass es zur Normalität wird, dass familiäre Care-Aufgaben nicht allein den Frauen zugeordnet werden.

Meinen Sie, dass durch die zunehmende Flexibilisierung von Arbeit, z.B. durch die Etablierung von Home-Office, und durch die Digitalisierung, es Frauen langfristig leichter haben werden Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen?

Teilweise finde ich schon, dass Digitalisierung da definitiv hilft. Außerdem haben viele die sich gegen Home-Office-Lösungen gesträubt haben, im letzten Jahr gesehen, dass es funktioniert. Und durch wegfallende Reisezeiten bleibt natürlich auch mehr Zeit sich um andere organisatorische und familiäre Themen zu kümmern. Allerdings ist auch zu beobachten, dass diese Aufgaben häufig komplett an den Frauen hängen bleiben und die Männer sich ins häusliche Büro zurückziehen. Dennoch bin ich der Meinung, dass die Flexibilisierung von Arbeit hilft, aber keine Komplettlösung ist.

Okay, dann mal eine provokative Frage: Braucht ein Unternehmen überhaupt weibliche Führungskräfte? Oder sollten sich nicht Frauen auf das klassische Rollenbild konzentrieren, um unsere Geburtenrate auch hochzuschrauben und unsere Rentenkassen zu entlasten?

Ich glaube das jetzt z.B. was mein Unternehmen betrifft, dieses nicht so erfolgreich wäre, wenn ich ein Mann wäre. Denn ich bin jetzt mittlerweile weltweit bekannt im „Turbomaschinen-Bereich“, weil es dort wenige Frauen gibt. Natürlich nutze ich dies aus. Aber ich merke auch, dass meine Präsenz als Frau den ganzen Raum in Aufruhr versetzt und ein anderer Ton angeschlagen wird, der tatsächlich deutlich produktiver ist.

Außerdem muss ich ehrlich sagen, dass diverse Teams bestehend aus unterschiedlichen Geschlechtern und Nationalitäten bessere Ergebnisse erzielen. Da bringt tatsächlich jeder seine Stärken und Perspektiven mit ein. Und ich glaube, je diverser ein Team ist, desto schneller kommen sie auf den Punkt und auch zum Ziel. Und dementsprechend glaube ich schon, dass es sehr sinnvoll ist, wenn Frauen in Vorständen sind.

Wie sieht es mit Altersdiversität aus?

Auch Altersdiversität ist wichtig, aber ich kein Freund davon, dass Personen nur aufgrund von Berufserfahrung oder Firmenzugehörigkeit eine höhere Funktion bekleiden müssen oder besser verdienen als jemand der zwei Jahre Berufserfahrung hat und noch relativ frisch von der Uni kommt. Wichtig ist: Was können denn die Leute wirklich?

Was wäre Ihr Vorschlag? Was müsste jetzt passieren, dass ein Wandel bei dem Thema „Frauen in Führungspositionen“ einsetzt und langfristig und nachhaltig fortwirkt.

Eine Sache, die ich sehr gut finde, ist, dass es in vielen Bereichen mittlerweile auch möglich ist, dass man „Fachkarrieren“ machen kann und nicht aufgrund von Firmenzugehörigkeiten hochgespült wird. Nicht jeder Spezialist ist auch automatisch eine gute Führungskraft. Und dies sollte auch bei der aktuellen Diskussion für Frauen in Führungspositionen berücksichtigt werden. Aber wenn die Stärken im Bereich Führung liegen, sollten diese unbedingt gefördert werden.

Was würden Sie abschließend Frauen mitgeben wollen, die vor der Entscheidung stehen, ob sie den nächsten Schritt wagen sollen?

Traut euch! Frauen bewerben sich in der Regel auf Ausschreibungen für Berufe und Positionen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. Wohingegen Männer, selbst, wenn sie lediglich zwei von zehn Anforderungen erfüllen, sich selbstbewusst auf eine Funktion bewerben. Das ist etwas was mich sehr ärgert, da dies leider eher die Regel ist. Und dagegen muss man etwas tun.

 

Wir bedanken uns an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei Frau Kreitz für das Interview.